Von Absencing zu Presencing: Der Wendepunkt wirksamer Führung

Ich habe kürzlich in einem Beitrag im Forbes Magazin über den häufigen Misserfolg von Führungskräftetrainings nochmal eine Erinnerung bekommen, die ich eigentlich schon kenne: Viele Leadership-Initiativen und -Programme scheitern nicht daran, dass sie inhaltlich schlecht sind, sondern ihre Wirksamkeit hängt stark vom WIE der Umsetzung ab. Führungskräfte rennen oft zu schnell voran. Sie verändern Verhaltensweisen, Regeln, Strukturen – sie wollen etwas verbessern, entwickeln, transformieren. Ein Gefühl der Angebundenheit kommt ihnen dabei oft abhanden.

Damit fördern sie – oft unbewusst – eher das, was Otto Scharmer „Absencing“ nennt, statt „Presencing“. Also ein Führen aus Abwesenheit statt aus Präsenz, ein Handeln aus innerem Rückzug, aus Druck und Getrenntsein statt aus wirklicher Verbindung.

Hier liegt tatsächlich für mich auch der Kern von Verkörperter Führung, denn wenn wir gut führen wollen, dann braucht es eine präsente Führung. Eine Führung, die nicht nur nach außen sichtbar wird, sondern die innen stattfindet. Die Führung, die ich nach außen bringe, muss in mir stattfinden. Und dafür ist eine Fähigkeit zentral: Einstimmung.

Einstimmung als Teil von Führung

Wenn ich mit Individuen oder Gruppen arbeite, ist Einstimmung immer Teil meiner Vorbereitung und Durchführung.

Dabei verstehe ich Einstimmung ähnlich wie Daniel J. Siegel als einen Prozess, in dem ein Nervensystem auf ein anderes reagiert und so Regulation und Integration ermöglicht. Er beschreibt Attunement als einen Kernprozess sicherer Bindung, durch den sich das Gefühl von „being felt“ – sich innerlich gefühlt wissen – entwickelt. Andere beschreiben es auch als feinfühlige Responsivität oder Resonieren. Das passiert nicht nur zwischen zwei Menschen, sondern auch von Mensch zu Gruppe oder von Mensch zu nicht-menschlichem Lebewesen.

Bevor ich in einen Prozess gehe, stimme ich mich ein – nicht nur gedanklich, sondern auf verschiedenen Ebenen. Dabei ist wichtig, dass dieses Einstimmen nicht nur vom Kopf kommt, also nicht nur von kognitiven Annahmen darüber, wie das Team ist oder was „das Problem“ sein könnte, sondern dass ich verschiedene Ebenen in mir selbst anzapfe.

Zum Beispiel die Herzensebene, eine intuitive Ebene, mein Bauchgefühl oder meine Körperwahrnehmung. Ich lausche aus verschiedenen inneren Orten. Das heißt, die Informationen, die ich abrufe, wenn ich mich auf ein Team einstimme, basieren nicht nur auf Analyse, sondern auch auf anderen Formen von Intelligenz. Oft sind genau diese Informationen das, was zusätzliche Verbindung, Vertrauen und Sicherheit schafft. Selbst wenn es uns oft nicht bewusst ist – unser Nervensystem liebt es, eingestimmten Kontakt zu erleben, und es merkt auch ganz genau, wenn Kontakt nicht eingestimmt ist. Auch Individuen in einem Team spüren es, wenn ihre Führungskraft sich auf sie einstimmt oder im Rückzug ist.

Übung zur Einstimmung auf dein Team

Im besten Fall mache diese Einstimmung gemeinsam mit jemandem. Zu zweit entsteht mehr Differenzierung, mehr Weite, mehr Co-Kreation. Gerade wenn du selbst Teil des Systems bist, auf das du dich einstimmst, hilft es enorm, nicht nur deiner eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Diese Übung funktioniert genauso gut mit jemandem, der oder die kontextfremd ist.

Bevor du beginnst, mache eine bewusste Pause und versuche, dich innerlich freizumachen. Schreib den Namen deines Teams auf einen Zettel oder such dir einen Gegenstand aus, der dein Team repräsentiert, und leg ihn auf den Boden. Stell dich dazu und beantworte die folgenden Fragen aus verschiedenen Blickrichtungen auf den Zettel oder Gegenstand. Schreib deine Antworten auf oder nutze ein Diktiergerät.

  1. Was nimmst du aktuell wahr über dieses Team?

  2. Wenn ich mich auf dieses Team als Ganzes einstimme, welche Bilder, Gefühle, Gedanken oder Körperempfindungen tauchen in dir auf?

  3. Wenn dieses Team als Ganzes eine Botschaft für mich hätte – welche wäre das?

  4. Welche Qualitäten nehme ich in diesem Team wahr? Was macht dieses Team auf einer tieferen Ebene besonders?

  5. Wenn dieses Team sich aus seiner eigenen Qualität heraus weiterentwickeln würde und sein gesamtes Potenzial zur Verfügung hätte – wo wäre es dann in einem, drei oder fünf Jahren?


Diese Fragen zur Einstimmung kannst du nutzen, um dich im Laufe des Jahres immer mal wieder kurz oder ausführlich auf dein Team oder sogar deine Organisation einzustimmen. Je häufiger du es machst, desto mehr wird es sich von allein in deine Arbeitsabläufe integrieren. Die Antworten werden dir helfen, Richtungen für Entwicklung und Bedarfe zu identifizieren und wirklich nah an deinem Team dran zu bleiben, sodass ihr langfristig eure Zusammenarbeit stärkt.

Quellen:

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